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Magazin BGL & Salzburg

Gibt es Eis in Oklahoma – Roman von Bernd Späth

Am Rand des Wassers hatten verschiedene Treibeisblöcke sich übereinander geschoben und blickten nun mit angehobenen Köpfen auf Halvard. Strömung oder Wind bewegten sie hin und her, so dass sie beunruhigend lebendig wirkten, eine ner­vös gewordene Tierherde vielleicht – noch unschlüssig, ob sie im Wasser bleiben oder an Land kriechen sollte, um den klei­nen Jungen aufzufressen. Halvard blieb angstvoll stehen.

«Vollgas, Vollgas!», ging es durch seinen Kopf. Wenn er stehen blieb, konnte er einbrechen. Plötzlich war er wieder Kind, nur noch Kind, drehte sich blitzartig um und rannte keuchend da­von, dem Ufer zu. Er blieb stehen. Draußen stand seine Maschi­ne, der Motor tuckernd, als sei nichts geschehen. Halvard sorg­te sich. Die Auspuffhitze mochte das Eis aufweichen, wenn es zu dünn war. – Er musste hin, bevor der Scooter absoff. Aber immer noch stand er und kämpfte mit sich. Dann rannte er los. Ohne Pause rannte er über das Eis, sah wie die Treibeisschollen immer näher kamen, aufgeregt miteinander schwatzend.

«Lasst mich in Ruhe!», schrie er flehend, «lasst mich in Ruhe! Ich bin doch erst zwölf.»

«Wir fressen alles», sagten die Schollen, «aber wir entscheiden selbst.»

Und wie zum Zeichen uneingeschränkter Entscheidungsfrei­heit löste einer der Blöcke sich aus dem Pulk, stieß Schaum auf­wirbelnd gegen seine Kumpane und wanderte immer schnel­ler fjordeinwärts, hinaus zum Tempelfjord. Eine unsichtbare Strömung schien ihn ergriffen zu haben, denn er bewegte sich leicht und schwerelos von Halvard fort. Geradeso, als habe er sich entschlossen, dem Jungen mit einer Botschaft vorauszu­eilen.

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