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Magazin BGL & Salzburg

Ein Stück Erkenntnis – Kurzgeschichte von Marc Wiechmann

Marc Wiechmann, geboren 1979, lebt und schreibt in München, Bayern. Verschiedene Publikationen in Online-Portalen, Konzertkritiken und Drehbücher (unter Anderem „Pulcher Somnii“, verfilmt mit Olaf Krätke in der Hauptrolle) gehen auf das Konto des Musikers und bekennenden Literatur-Fans. Derzeit schreibt er ehrenamtlich für das Portal „brutalsounds.tv“ und arbeitet an seinem ersten Roman, dem Auftakt zur „Âskaran-Trilogie“.

Ein Stück Erkenntnis

Ich habe einen armenischen Freund. Eines Tages brachte er mir einen Stein mit. Ich weiß nicht genau, warum er das tat, aber ich glaube, daß Armenier Steine einfach lieben. Er und Saroyan – das sind die einzigen Armenier, die ich kenne, und einen von beiden kenne ich nicht einmal persönlich, aber von beiden weiß ich, daß sie Steine lieben und sie ständig in ihrer Umgebung brauchen.

Nun brachte er also eines Tages diesen Stein von irgendwoher mit und schenkte ihn mir. Ich kann nicht sagen, daß ich besonders beeindruckt gewesen wäre. Es war ein ganz gewöhnlicher Stein, nicht einmal sehr ansehlich – das heißt, er war es nicht, wenn man nicht genügend Tiefe in seiner Seele hatte, um über die bloße Erscheinung hinaus zu sehen. Damals war meine Seele ausgesprochen flach. Der Stein war weiß, und schwarze Adern durchzogen ihn auf sehr unspektakuläre Weise. Ich erinnere mich sehr gut daran, noch heute, denn ich mußte sofort an Marmor denken. Der Stein sah nicht aus wie Marmor, er sah eher aus wie ein häßlicher, kleiner Bruder dieser edlen Steinsorte. Als ich also diesen häßlichen, kleinen Steinbruder in die Hand nahm und ihn drehte, wußte ich nicht so recht, wie ich reagieren sollte. Aber mein armenischer Freund wartete meine Reaktion sowieso nicht ab, als wüßte er schon, daß ich mit dieser ganzen Geschichte erstmal nicht viel anzufangen wußte.

Natürlich freute ich mich sehr über die Geste: da stand er nun an einem Fluß ohne Namen in einer Gegend, die voller Namen steckt, und als er diesen Stein sah, dachte er an mich und entschied spontan, ihn mir zum Geschenk zu machen. Dies getan, verschwand er auch schon wieder, ohne ein Wort über den Sinn dieses Geschenkes zu verlieren. Da stand ich also nun, in meiner Hand einen Stein, der mir so gar nichts sagen wollte. Aber so war das mit den Geschenken, dachte ich mir, manches Mal offenbarten sie ihre Bedeutung erst, wenn man nicht mehr darüber nachdenken konnte. Aber ich greife vor.

 

Obwohl ich mit dem kleinen Geschenk nicht viel zu beginnen wußte, ist es schon immer meine Art gewesen, jedem zu zeigen, daß ich den dahinter steckenden Gedanken sehr zu schätzen weiß. Deshalb positioniere ich Aufmerksamkeiten solcher Art stets an Orten, wo sie für jedermann zu sehen sind. Mir fiel sofort ein Ort ins Auge, an dem schon mehrere Kleinode lagen, die sich im Laufe der Zeit in meinen Besitz gefunden haben. In unserer sogenannten westlich zivilisierten Welt ist dieser Ort häufig eine Versammlungsstätte für kleine Schätze, weil er mittig im Raum steht, auf den Blick aller gerichtet: der Fernseher. Nun habe ich zwar eine ganz eigene Meinung zu diesem Gerät, und ganz besonders zu der üblichen Ausrichtung zum Raum, mit der man diesem Zeitfresser eine so zentrale Rolle nicht nur in seinem Lebensraum, sondern auch in seinem Leben allgemein einräumt, aber das ändert nichts daran, daß es sich anbot: der kleine häßliche Steinbruder fand seinen Platz zwischen einer verwelkten Orchideenblüte, einem besonderen Gitarrenplektrum und einem Ein-Pfennig-Stück aus Bronze. Gut lag es da, fand ich – im Blickfang, man kam beinahe nicht drum herum, hinzusehen, und zugleich ganz unauffällig. Ich betrachtete ihn eine Weile, wie er versuchte, seine schwarze Maserung einzusetzen, um sich auf dem Fernseher, der noch viel häßlicher war als er selber, möglichst gut zu tarnen. Aber ach, seine weiße Grundfarbe verhinderte dies so vollkommen, daß ich kurz lachen mußte. Ich drehte mich um, und bereits eine Minute später hatte ich ihn vergessen. Nicht aus Nachlässigkeit, aber sagen Sie selber: wie lange denkt man schon nach über eine so unauffällige Kleinigkeit, die nicht einmal Sinn zu machen schien? Der Stein entwand sich also meinen Gedanken, also schätze ich, daß seine Tarnung letzten Endes doch ganz gut funktioniert haben muß.

Mein Leben ging weiter, und es geschahen einige Dinge, die vielleicht erzählenswert wären, aber da sie nichts mit dem Stein zu tun haben, soll ein anderes Mal davon berichtet werden. Wir steigen wieder in die Geschichte ein, als eines Tages wieder mal ein Umzug vor der Tür stand. Dieses Mal war es ein besonders häßliches Exemplar, daß sich im Türrahmen zeigte, eines, daß die Worte „Zeitmangel“, „hohe Kosten“ und dann auch noch „keine Hilfe“ im Gepäck hatte. Ich stellte mich dem Monstrum und überwand es, aber wie jeder Krieg forderte auch dieser Opfer, vor allem Unschuldige. Um ganz ehrlich zu sein: ich hatte schon vor dem Umzug lange nicht mehr an den häßlichen kleinen Steinbruder gedacht, und so war es wohl seine inzwischen perfektionierte Tarnung, die es ihm erlaubte, vollkommen zu verschwinden. Aber als ich den Fernseher in der neuen Wohnung aufstellte, fiel mir als erstes der Umriß im Staub auf, mit dem das wenig benützte Gerät überzogen war – der Umriß eines unspektakulären und irgendwie häßlichen Steines, der mich an Marmor denken ließ. Augenblicklich dachte ich an meinen armenischen Freund, und ein heftiges schlechtes Gewissen durchzuckte mich.

Man sollte an dieser Stelle anmerken, daß er vermutlich genauso wenig über diesen Stein nachgedachte hatte wie ich. Oder, um genau zu sein – ich bezweifle, daß ihn dieser Stein jemals im selben Maße beschäftigte. Aber davon einmal ganz abgesehen, waren die anderen Kleinode, die Blüte, der Pfennig und das Plektrum noch da, und so beschloß ich, mir auch wieder einen Stein zu besorgen, um das Konglomerat unnützer, aber schöner Dinge wieder zu vervollständigen.

 

An einem der nächsten freien Tage also, es regnete leicht, brach ich auf und ging an einen Fluß mit dichtem Kiesbett, wo ich eine schöne Auswahl hübscher Steine zu finden hoffte. Das kühle Naß von oben ignorierend, machte ich mich auf die Suche. Schon nach wenigen Minuten erblickte ich ein ansehliches Exemplar. Es war ein kleiner, roter und sehr flacher Kiesel, der von wunderschönen schwarzen und grauen Rissen durchzogen war, und die nördliche Spitze glänzte in einem strahlenden Weiß. Die Kanten waren abgerundet, er mußte seit Jahrhunderten in diesem Fluß liegen. Ich betrachtete ihn, dann schloß ich meine Augen und befühlte ihn, beinahe wie ein Blinder. Dann warf ich ihn wieder ins Wasser. Es war nicht mein Stein. Ich könnte Ihnen die vielen schönen Steine beschreiben, die ich an diesem Tag noch fand. Fakt ist aber, daß ich am Nachmittag frustriert nach Hause ging, ohne einen Flußstein mitgenommen zu haben. Bei jedem einzelnen Stückchen Berg, daß ich aufhob und musterte, fehlte etwas. Und während ich nach Hause wanderte, inzwischen vollkommen durchnäßt und auch ein wenig frierend, kam mir die Erkenntnis, warum es so war. Es war die Geste, die fehlte. Man kann sich nicht selber einen Stein suchen und erwarten, die Schönheit darin zu sehen. Sie ist nicht von vornherein in ihm. Sie ergibt sich erst aus der Summe, aus dem Gedanken, dem Aufwand und der Tat, und erst dann aus der schlichten Natur des Steines selbst. Diese Erkenntnis war allerdings wenig hilfreich, denn als ich nun nach Hause kam und mein Blick auf den Staubumriß fiel, fehlte mir nicht mehr nur noch ein häßlicher kleiner Steinbruder. Nun fehlte mir das Geschenk eines Freundes, und solche Dinge kann man auf eine ganz andere Art bedauern als den Verlust seelenloser Materie. Ich fand mich damit ab und beschloß gleichzeitig, meine Meßlatte für ideelle Wertschätzung niedriger anzulegen. In Zukunft würden selbst die kleinen Dinge meine größte Aufmerksamkeit erfahren, entschied ich, und ich könnte nicht sagen, daß ich damit in späterer Zeit jemals schlecht gefahren wäre.

Als ich einige Tage später von der Arbeit nach Hause kam – es war die Zeit, in der ich hin und wieder eine feste Arbeit angenommen habe -, klingelte es an meiner Türe. Es war mein armenischer Freund, der sich meine neue Wohnung ansehen wollte. Interessanterweise hatte ich es binnen weniger Tage geschafft, die Bude so aussehen zu lassen, als hätte seit Monaten niemand mehr aufgeräumt oder gar geputzt. Glücklicherweise waren wir zu dieser Zeit in diesem Punkte kaum voneinander zu unterscheiden – Ordnung war zweitrangig, Leben alles. Er hatte natürlich auch ein Begrüßungsgeschenk dabei. Es war ein flacher Stein, weiß, mit einer unauffälligen, aber hübschen schwarzen Maserung. Sah ein wenig aus, wie ein ziemlich häßlicher Bruder eines großen Marmorblocks. Es war selbstverständlich nicht der gleiche Stein, der schon einmal auf meinem Fernseher lag. Aber es könnte durchaus sein, daß sie aus der selben Familie stammten. Vielleicht waren sie sogar ein oder zwei Jahrhunderte vom selben Wasser geschliffen worden, ehe sich ihre Wege trennten. Ich betrachtete den Stein und fand ihn sehr ansehlich. Ich freute mich sehr über das Geschenk, und ich glaube, daß auch mein armenischer Freund sich darüber freute. Ich wußte Geste und Geschenk zu schätzen, und ich legte den Stein sofort auf den Fernseher, auch wenn er dieses Mal nicht mehr so zentral im Raum stand. Er paßte perfekt in den Umriß, und ich erfreute mich daran, wie herrlich er sich in das nun wieder vollständige Quartett meiner lieben Dinge einfügte. Ich wies den Armenier darauf hin, und er nickte und schloß sich somit meiner Meinung an. Als er ging, kehrte ich zu dem Stein zurück und dachte daran, wie oft sich der Sinn kleiner Geschenke erst erschließt, wenn man nicht mehr darüber nachdenken kann, und wie viel mehr, wenn man nicht mehr darüber nachdenken muß. Diese Geschichte ereignete sich vor acht Jahren. Ich besitze den Stein immer noch.

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