NebenAN

Magazin BGL & Salzburg

Die Sache mit dem Aufstehen – Kurzgeschichte von Marc Wiechmann

Oeffentliche Verkehrsmittel sind was Tolles.

Gut, sie sind teuer, oft unpünktlich, gerne zu voll und dergleichen mehr, aber letztlich genieße ich den Luxus, bei völliger Ignoranz des Straßenverkehrs recht flott durch die Stadt zu kommen. Es macht mir auch nichts aus, mal zu stehen oder zu rennen, um das Verkehrsmittel der Wahl noch zu erreichen. Ich stehe auch gerne auf, wenn ein alter Mensch keinen anderen Platz findet. Lächelnd erhebe ich mich, biete der alten Dame, die gerade reinkommt und mich einfach nur anstarrt, meinen Platz an. Ich halte ihr sogar noch den Klappsitz in der Tram herunter, damit sie es leichter hat. Wenn sie dann Platz nimmt, mir versehentlich ihren Stock vor das Schienbein haut und mich einfach nur ansieht, lächele ich weiter. Ich habe es ohnehin recht eilig, um am Hauptbahnhof in die S-Bahn umzusteigen.

Die Trambahn erreicht den Bahnhof.  Immer noch lächelnd, nehme ich zur Kenntnis, wie die alte Dame wieselflink aus dem Sitz spurtet, um als Erste die Ausgangstüre zu ereichen. Der Klappsitz knallt gegen die Rückbank, die Türen sind kaum offen, schon beginnt das sympathische Vorkriegssemester, sich in Zeitlupe aus der Bahn zu hieven. Der medaillenverdächtige Sprint von Sitz zum Ausgang hat wohl alle Kraft gekostet, daher geht das jetzt etwas langsamer. Viel langsamer. Mein Lächeln ist aber in Stein gemeißelt, während sich eine Menschenmenge nahe des Tramausgangs staut. Die alte Dame schließlich hat es geschafft. Ich lasse mich von der aus der Bahn quellenden Menge wie ein Flipperball zwischen Schultern hin und her schubsen und komme so nur wenige Meter neben der ursprünglich anvisierten Stelle auf der Straße an. Ich lächele aber, weil ich gerade sehe, dass ich meine S-Bahn erreichen und mir sogar noch etwas zu Trinken am begehbaren Kiosk holen kann.

Auf zum Kiosk, eine Coke für den Weg oder doch ein Bier, na was soll’s, nimm die Coke. Ups. Während ich mich umgedreht habe, um mich ein letztes Mal zwischen Zuckerwasser oder Gerstensaft zu entscheiden, hat sich noch eine Rentnerin mit einem dicken Korb voller Waren vor mich geschoben. Ich lächele, denn die Dame wird mich sicher schnell mit meinem Getränk vorlassen. Nein? Ah okay. Klar, als Rentner hat man natürlich wenig Zeit. Schließlich tickt die ultimative aller Uhren, wer will da schon Zeit verschwenden? Ich drehe mich um und tausche Cola gegen Bier. Die alte Dame ist so frei, ausser meinem Solidaritätszuschlag auch gleich noch meine Zeit ein wenig zu strapazieren, zückt Ihr riesiges Alt-Frauen-Portemonnaie, und lässt Kleingeld auf das Warenband rieseln wie der selige Petrus im Winter den Schnee. Wie konnte die das tragen, das muss doch ungefähr 2 Kilo wiegen? Ich trinke das Bier, nervös, aber lächelnd, und hole mir noch eins. Die S-Bahn ist eh weg. Und 40 Minuten auf die nächste Bahn warten, ach, das ist doch ein Klacks, also lächele ich, während ich mir vorstelle, wie ich die alte Dame vor mir im Wald vergrabe. Mein Seelenkostüm hat einen Riß, der Kassierer denkt ich erleide gerade einen Schlaganfall, kassiert aber dennoch anstandslos mein Bier und hofft, dass er selbst bald in Rente gehen kann.

Ich gehe zur S-Bahn, warte ohne zu murren die knappe dreiviertel Stunde, setze mich in die S-Bahn, fahre los, lächele. An der nächsten Station, die Bahn ist aufgrund der frühen Abendstunde voll besetzt, wackelt ein sehr altes Mädchen mit Stock in die S-Bahn. Sie sicht sich um, visiert grob geschätzte 20 Plätze an. Sie hebt die Nase und nimmt die Witterung auf, und dann wendet sich ihr Kopf ohne ihren Körper, Sie haben das sicher schon in der Dokumentation „Der Exorzist“ gesehen, um 180 Grad und starrt mich an. Anklagend. Ich lächele. Dann springe ich auf, schlage sie ins Gesicht, und während sie fällt, schreie ich laut „Touchdown!“.

Zumindest sagt der Blick der mich begleitenden Bahnbenutzer, ich müsse doch etwas in der Art getan haben. Die sehen mich nämlich alle sehr anklagend an, und während die guten Leute nochmal ein wenig hin und her rutschen, damit sie auch wirklich sehr bequem sitzen können, schüttelt sich sogar der eine oder andere Kopf in völligem Unverständnis, wieso nicht irgend jemand (…) aufsteht, um die alte Mutti sitzen zu lassen. Selbige übrigens beharrt einfach darauf, mich weiter anzustarren. Die Bahn geht indes in eine steile Linkskurve, und wo ich mein Gleichgewicht wohl verloren hätte – habe ich nicht, ich sitze ja – wirkt die Omi auf mich wie ein Extrem-Snowboarder auf einer Piste mit 70 Grad Gefälle, und selbst die Vollbremsung, in deren Verlauf jede Menge Flüche in der Bahn laut werden, steckt sie mit einem entspannten Rückwärtssalto weg. Das nötigt mir Respekt ab, und so biete ich ihr meinen Platz an. Sie sieht mich ein klein bißchen weniger böse an und setzt sich ohne ein Wort. Während ich feststelle, dass diese verspätete Bahn, in der ich sitze, gar nicht bis zu der von mir favorisierten Station fahren wird, beginne ich mir, Gedanken zu machen, und so langsam weicht das Lächeln aus meinem Gesicht.

Warum genau stehen die Menschen eigentlich für andere auf? Weil sie es selbst als richtig empfinden? Oder weil die Gesellschaft es so verlangt? Oder genauer gesagt, weil die Gesellschaft sich vormacht, sie verlange es? Würden die Menschen aufstehen, wenn die Reaktion auf das Ignorieren der Bedürftigkeit alter Menschen nicht Kopfschütteln, sondern ein breites Grinsen und ein hochgereckter Daumen wäre?

Warum genau stehe ich eigentlich auf, wenn ein alter Mensch offensichtlich meinen Platz möchte?

Weil mir schon als kleinem Junge eingeimpft wurde, man müsse Respekt vor dem Alter haben? Ich erlaube mir, das so hinzunehmen, aber dennoch kritisch zu fragen, welchen Respekt es sich verdient, zufällig 40 Jahre vor mir geboren worden zu sein? Ist die alte Prämisse, dass man sich Respekt verdienen muss, gemeinsam mit Briefe schreiben und Jungfräulichkeit aus der Mode gekommen?

Aus Rücksicht? Hm, in der Tat, das ist ein Argument. Ich nehme ja gerne und oft Rücksicht. Ich gehe gerne Leuten auf der Straße aus dem Weg, während ich einen Wocheneinkauf mit sechs Tüten aus dem Supermarkt nach Hause wuchte, und lasse mich zum Dank anrempeln. Ich lasse gerne dem Kollegen mit wenigen Artikeln an der Kasse den Vortritt und freue mich, dass dann bei mir statt ihm die Kassenzettelrolle zu Ende ist. Ich lasse gerne meine Frau die DVD auswählen und sehe mir ätherische Ballet-Filme an statt lustigem Zombie-Gemetzel. Oh, und natürlich stehe ich gerne nach einem 10-Stunden-Arbeitstag für die alte Dame in der S-Bahn auf und stehe dann 20 Minuten mitsamt Einkauf, Laptop und Schirm ohne festen Halt in der Bahn, gleich neben dem Kollegen, der bei jedem Ruckler gegen mich prallt und dabei riecht, als würde seine Dusche seit Wochen nicht funktionieren und als sei eine Kleinigkeit namens Deo nie erfunden worden. Und Dank, ach, das sind doch nur Worte, Schall und Rauch.

Ich bin Musiker. Und Autor. Und Mensch. Ich lebe von Schall und Rauch. Ich liebe Schall und Rauch.

Warum genau also stehe ich auf, wenn ein alter Mensch offensichtlich meinen Platz möchte?

Weil es einfach das Richtige ist. Aber ich darf mich doch dennoch ärgern, wenn ich nicht einmal gefragt, sondern nur angestarrt werde. Oder wenn ich nicht das leiseste „Danke schön“ ernte. Alte Menschen verdienen diesen kleinen Akt der Menschlichkeit, weil sie alt sind, gebrechlich, und schnell erschöpft. Das ist okay so. Aber bin ich ein schlechter Mensch, weil ich für meine gute Taten auch Anerkennung möchte? Weil ich es als höflich empfinde, mich zu bedanken, wenn ein wildfremder Mensch mir hilft? Darf ich denn nicht erwarten, dass sich eine alte Frau Gedanken macht, wieso ich müde und abgekämpft aussehe und vielleicht entscheidet, dass sie sich für zwei Stationen vielleicht doch auch auf den Beinen halten könnte? Ich soll doch schließlich auch anhand ihres Äußeren erkennen, dass sie gerne meinen Platz in Anspruch nehmen würde, nicht wahr?

Ich habe mich inzwischen übrigens entschieden, weiterhin für alte und behinderte Menschen aufzustehen. Ich werde auch weiterhin Kinderwägen die Treppe hinauftragen, Türen aufhalten, Leute an der Kasse vorlassen und einzuschreiten, wenn Hilfe nötig ist, und dabei lächeln. Ich habe mich aber auch entschieden, zu selektieren. Ich weiche auf der Straße nicht mehr aus, wenn ich Einkaufstüten schleppe, wenn die beiden Entgegenkommenden die Hände frei haben und mich nur nicht wahrnehmen, weil sie im Gespräch vertieft sind. Ich lasse mich nicht mehr darauf ein, jemanden an der Kasse vorzulassen, wenn ich nicht gefragt werde. Und ich stehe nicht mehr in Bahn und Bus auf, wenn die alte Dame mich nicht zumindest ansieht und fragend blickt, mit mir irgendwie kommuniziert, weil ich nicht mehr unterstütze, dass viele Rentner glauben, ein gottgegebenes Recht darauf zu haben, von der gesamten Umwelt in allen Belangen kompromißlos unterstützt zu werden, ohne ein Wort des Dankes darüber zu verlieren. In einer alten „Star Trek“ Folge wurden auf einem kleinen konföderierten Planeten übrigens alle Menschen, die den 60.Geburtstag erreicht hatten, in die Sonne geschossen. Das ist vielleicht übertrieben, aber an Tagen wie dem hier beschriebenen finde ich die Vorstellung nicht unsympathisch.

Früher bin ich von alleine aufgestanden, weil ich einfach fand, dass es sich so gehört. Das, liebe Gesellschaft der Senioren, habt Ihr mir ausgetrieben.

Wenn Sie, lieber Leser oder liebe Leserin, zufällig dieser durchaus bewundernswerten Spezies angehören, fragen Sie sich beim nächsten Mal in der S-Bahn doch, wieso der leicht debil grinsende junge Mann, der gerade für Sie aufgestanden ist, ohne dass Sie es verlangt hätten, Sie nun so erwartend ansieht. Vielleicht erwartet er nur ein Dankeschön. Vielleicht steht aber auch nur Ihr Hosenstall offen, so genau weiß man das ja nie.

Marc Wiechmann, geboren 1979, lebt und schreibt in München, Bayern. Verschiedene Publikationen in Online-Portalen, Konzertkritiken und Drehbücher (unter Anderem „Pulcher Somnii“, verfilmt mit Olaf Krätke in der Hauptrolle) gehen auf das Konto des Musikers und bekennenden Literatur-Fans. Derzeit schreibt er ehrenamtlich für das Portal „brutalsounds.tv“ und arbeitet an seinem ersten Roman, dem Auftakt zur „Âskaran-Trilogie“.

You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Both comments and pings are currently closed.